Natursammler, Leichen und eine Gesellschaft im Umbruch

Es muss schon einige Zeit vergangen sein, als ich „Der Leichensammler“ von D.E. Meredith auf meine Wunschliste gesetzt habe. Als ich es letztes Weihnachten in einem Wichtelpäckchen geschenkt bekam, konnte ich mich an den Titel nicht mehr erinnern. Vermutlich habe ich es meiner Wunschliste hinzugefügt, weil ich mich Bücher reizen, die sich mit forensischer Pathologie beschäftigen. Und dieser historische Kriminalroman wurde angepriesen, weil er in der Anfangszeit der Rechtsmedizin spielt. Außerdem klingt der Klappentext sehr interessant auf den ersten Blick:

„London 1856: Professor Adolphus Hatton befindet sich in seinem rechtsmedizinischen Labor, als er von Inspector Adams von Scotland Yard zu einem Tatort gerufen wird. In einem Haus, das mit exotischen Sammlerstücken vollgestopft ist, liegt die ermordete Lady Bessingham. Die junge Mäzenin führte einen Salon, in dem sich Künstler, Dichter und Wissenschaftler trafen. Schon bald wird Hatton und Adams klar, dass sie es mit einem komplizierten Fall zu tun haben, der auf perfide Weise mit Lady Bessinghams Sammelleidenschaft zusammenhängt…“

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Der historische Kriminalroman beginnt wie ein klassischer Krimi. Zu der Leiche von Lady Bessingham wird der Inspector und ein Rechtsmediziner hinzugerufen, die sich weiter mit dem Fall beschäftigen werden. Jeweils auf ihrem Gebiet, sollte man meinen. Jedoch wird der Leser nun nicht die Perspektive des Inspectors einnehmen, sondern folgt dem Rechtsmediziner Adolphus Hatton, der selbst ein Interesse daran hegt, den Fall aufzuklären. Und er wird auch noch weiterhin gebraucht, da Lady Bessingham nicht die einzige Leiche in diesem Roman bleiben wird. Adolphus selbst ist von der Autorin schön gezeichnet und als Leser sympathisiert man mit diesem Protagonisten.

Aber dieser Mord ist nicht das einzige, von dem der Leser unterrichtet wird. Neben weiteren Perspektiven von weiteren Figuren, werden ihm auch Briefe eines Natursammlers dargereicht, der Lady Bessingham nahe gestanden hatte. Diese Briefe handeln vorwiegend von dessen Leidenschaft der Natursammlerei, Evolutionstheorien und Theorien zur Entstehung der Welt. Ob sie nur den Zeitgeist einer Gesellschaft im Umbruch auffangen wollten, die mitunter arge Brutalität dieser Sammlerleidenschaft zeigen will oder nur das Aufblühen des naturwissenschaftlichen Interesses zeigen wollen, ist mir unklar. Zwar haben sie bei der Auflösung am Ende eine gewisse Daseinsberechgitung, jedoch stören sie schon alleine durch ihre extreme Länge den Lesefluss. Ich wurde so immer wieder aus der eigentlichen Geschichte herausgeholt und der rote Faden samt Spannungskurve bekam immer mehr Lücken. Dieses ist mein größter Kritkpunkt an diesem Roman, der auch Auswirkungen auf das Ende hat.

Zum Ende hin versucht D.E. Meredith einen filmähnlichen Showdown zu schreiben, der ihr jedoch misslingt. Die kurzen Abschnitte sind nicht gut aufeinander abgestimmt und lassen den Leser verwirrt zurück. Denn dieser weiß nicht mehr, was nun wo und mit wem passiert. Zwar nimmt die Geschichte hier teilweise ein wenig Fahrt auf, schafft es aber nicht das Tempo zu halten. Darüberhinaus wirkt das Ende noch überladen. Es häufen sich Leichen über Leichen, die einfach zu viel des guten sind. Zusammen mit einer Auflösung, die nicht wirklich logisch war und zudem noch auf ein einfaches und schnelles Beenden des Mordfalles hinzielt, weist nicht auf eine große Kreativität hin. Hier habe ich mir eindeutig mehr erwartet.

Der Schreibstil kann ich nur als weder auffallend gut noch auffallend schlecht beschreiben. Er passt sich einfach einem gut konsumierbaren Roman an.

Fazit:

So wie der Stil kann auch das Buch selbst beschrieben. Gut konsumierbare Ware mit einigen guten und spannenden Passagen. Jedoch erfahren leider weder die Rechtsmedizin noch die Evolustionstheorien Tiefgang und stehen einfach nur aneinandergestückelt beieinander. Meine Erwartung zu Beginn, die besagte, mehr über den Beginn der Rechtsmedizin zu erfahren, hat sich so nicht erfüllt. Zudem konnte mich die Auflösung am Ende nicht überzeugen, bei der die Autorin es sich einfach gemacht hat, damit sie die einzelnen Handlungsstränge überhaupt noch zusammenfügen kann. Anders kann ich mir das nicht vorstellen.

Ich kann dieses Buch nicht wirklich empfehlen. Aber es gibt sicherlich  Menschen, die lieben leicht konsumierbare Bücher und stören sich nicht an einem durchbrochenen roten Faden und einem misslungenen Ende. Diese können gut ein wenig Atmosphäre aus dem London des 19. Jahrhunderts schnuppern.

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