Einmal Nomadin, immer Nomadin

Bereits um die Osterferien herum habe ich die Autobiographie „Wüstenblume“ von Waris Dirie verschlungen. Dabei bin ich ohne jegliche Erwartungen an die Geschichte herangegangen. In einem Bücherforum, in dem ich häufig unterwegs bin, gibt es eine Challenge „Einmal um die Welt lesen“. Es geht darum, aus möglichst allen Ländern dieser Welt ein Buch zu lesen oder man weitet es so aus, dass ein großer Teil des Romans in einem der Länder spielt. Das ist der Interpretation des einzelnen Lesers überlassen. Als ich nun „Wüstenblume“ im Regal stehen sah, nahm ich es in die Hand und überflog den Klappentext:

„Vom Nomadenleben in der somalischen Wüste auf die teuersten Designer-Laufstege der Welt. – Ein Traum, aber auch ein Alptraum, denn Waris Dirie wurde im Alter von fünf Jahren Opfer eines grausamen Rituals: Sie wurde beschnitten. In „Wüstenblume“ bricht sie ihr jahrelanges Schweigen und erzählt ihre Geschichte. Heute kämpft sie als UNO-Sonderbotschafterin gegen die Genitalverstümmelung, die täglich 6000 Mädchen erleiden müssen.“

Der Gegensatz von somalischer Wüste und den Laufstegen dieser Welt faszinierte mich. Zudem hatte ich noch kein Buch aus Somalia gelesen, sodass ich das Buch gleich mitgenommen habe.

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Dirie beginnt mit ihrer Geschichte in ihrer Kindheit. Sie erzählt in einem angenehmen und leicht zu lesenden Stil von ihrer Familie, ihren Aufgaben in der Familie und dem Tagesablauf. Dabei zwingt die unbarmherzige Hitze der Wüste ihre Familie immer weiter zu ziehen, um ein neues Wasserloch für die Tiere und für die Menschen zu suchen. Die Tiere sind besonders wichtig, denn sie bedeuten „Reichtum“ und Nahrung. Dieses Leben abseits der Städte, noch eins mit der Natur, die in der Wüste einem Europäer schnell unbarmherzig erscheint, ist sehr gut geschildert. Teilweise hatte ich das Gefühl die brennende Sonne auf meinem Kopf zu spüren. Doch die Idylle bleibt nicht immer gleich Diries ältere Schwester ist als erste dran beschnitten zu werden. Ein großer Einschnitt in dem Leben eines Mädchens in der Wüste, denn durch dieses Ritual werden sie in jener Gesellschaft zur „Frau“. Diese Episoden der Beschneidungen, die fernab der Männer mithilfe einer weisen Frau stattfinden, werden sehr eindringlich beschrieben. In meiner Position als Leserin habe ich regelrecht gespürt, was das für Qualen gewesen sein müssen, fernab von Hygiene und möglicher medizinischer Versorgung. Die Intensität dieser Episoden beruht sicherlich darauf, dass Dirie etwas beschreibt, was ihr selbst widerfahren ist. Doch so schwer es ihr fällt, diesen Einschnitt in ihr Leben zu überstehen, sieht sie es als Kind noch nicht als falsch an. Diese Erkenntnis kommt erst viel später in England.

Doch wie kommt ein Nomadenkind nach England? Als Dirie zwangsverheiratet werden soll, flieht sie vor ihrer Familie. Sie flieht in die somalischen Städte, sucht Bekannte auf und über Stolpersteine hinweg, landet sie als Küchen- und Putzhilfe in einem Haushalt in England. Aber dieser Weg und derjenige, der nun noch folgt, ist weiterhin von viel Mühsal geprägt. Schon alleine die einzelnen Kulturschocks, die Dirie überstehen muss, sind für ein junges Mädchen, das sich ohne Familie in der Welt zurechtfinden muss, nicht einfach zu verkraften. Was würde ich tun, wenn ich über Umwege hinweg in eine neue Kultur gelangte und niemanden hätte, an den ich mich halten könnte? Wie käme ich damit zurecht, wenn sich der Lebensstandart, den ich gewohnt bin, drastisch änderte?
Somit wuchs meine Bewunderung für Waris Dirie. Denn sie hat es geschafft sich mit diesen ganzen Gegebenheiten zu arrangieren. Und doch bleibt Somalia und das Nomadenleben noch immer ein Teil von Dirie. Die Beschneidung verfolgt sie zum Beispiel bis nach England. Während sie die ersten Schritte in der Modewelt macht, machen sich die ersten Probleme dieses grausamen Rituals bemerkbar. Probleme beim Urinlassen und nicht zu vergessen die Schmerzen und der Blutstau bei der monatlichen Menstruation. Diese Langzeitfolgen, gegen die Dirie in England etwas unternehmen konnte, sind mit ausschlaggebend gewesen, dass sie als UNO-Botschafterin gegen die Beschneidung der Frau kämpft. Ein Thema, das noch immer aktuell ist. Selbst wenn es momentan nicht in den Medien ist. In Somalia und anderen afrikanischen Ländern gehört es zum Alltag kleiner Mädchen dazu.
Dirie schafft es schließlich in der Modelwelt Fuß zu fassen und beginnt das Leben eines Models zu führen. Ein Leben einer Nomadin der ersten Welt, in dem Hotelzimmer als Unterkunft reichen und in dem ein fester Wohnsitz nicht notwendig ist.

Als sie Erfolg hat, versucht sie nach über 10 Jahren ihre Familie ausfindig zu machen und sie noch einmal zu sehen. Sie will sie sehen und ihnen ihre Hilfe anbieten. Immerhin werden ihre Eltern auch nicht jünger.
Diese Autobiographie hat mich geschockt, erleichtert und mir fast die Tränen in die Augen getrieben. Tränen vor Trauer und vor Wut über die Zustände, die Dirie miterleben musste. Waris Dirie hatte kein einfaches Leben, aber sie hat einen starken Willen. Dieser war es, der ihr geholfen hat, einen Platz im Leben zu finden.
Ich kann diese Autobiographie nur jedem ans Herz legen. Als Leser erfährt man einiges über das Nomadenleben in Somalia, etwas über die Städte und die Kultur, aber auch über die Schwierigkeiten, die ein afrikanisches Mädchen in der Welt der „Weißen“ hat. Denn hier hören die Schwierigkeiten nicht auf. Darüber hinaus ist es eine Erzählung, gegen die Beschneidung der Frau. Wer die Schilderungen gelesen hat, wird diese Vorgehensweise nicht gutheißen können.

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