Flut – Eine Suche nach der Familie und nach sich selbst

Das erste Mal habe ich dieses Jahr einen Roman von dem brasilianischen Autor Daniel Galera gelesen. Im Brasilianisch-Portugiesischen hat Daniel Galera bereits drei Romane und einige Graphic Novels veröffentlicht. Sein Roman „Flut“ ist jedoch der erste Roman, der ins Deutsche übersetzt worden ist. Auf „Flut“ bin ich auf der Homepage des Suhrkamp Verlages gestoßen. Mein Interesse haben zweierlei Umstände geweckt. Zum Einen ist Brasilien Handlungsort des Romans – ein Land, das bei mir bisher weniger Beachtung gefunden hat – zum Anderen handelt der Roman von einem jungen Mann, der die Umstände um den wahrscheinlichen Tod seines Großvaters auf die Spur kommen will. Doch das Leben in Garopaba wird für den Protagonisten zusätzlich zu einer Reise zu sich selbst und er erkennt wie viel Ähnlichkeit ihn doch mit seinem Großvater verbindet.

Klappentext:
„Sein Vater erschießt sich vor seinen Augen, und was ihm bleibt, sind der alte Schäferhund und eine vage Sehnsucht nach Läuterung. Er bricht auf in den Süden und mietet sich in einem kleinen Ort an der Küste ein. Er findet Arbeit als Sportlehrer, lernt eine Frau kennen, unternimmt lange Wanderungen mit dem Hund, schwimmt Stunden am Stück ins offene Meer hinaus. Vor allem aber versucht er ein Familiengeheimnis zu ergründen – sein Großvater hatte in der Gegend gelebt, bis er unter ungeklärten Umständen verschwand. Doch ein empfindliches Handicap erschwert ihm die Suche, eine neurologische Erkrankung, er kann Gesichter nicht wiedererkennen. Seine Nachforschungen jedenfalls scheinen die Anwohner aufzuschrecken, Gerüchte machen die Runde, wird er bedroht? Wem kann er trauen, wenn schon nicht sich selbst und seinen Wahrnehmungen? Allmählich begreift er, dass er das gleiche Schicksal wie sein Großvater zu erleiden droht. Und plötzlich steht ihm das Wasser bis zum Hals.“

„Flut“ ist ein Roman, der den Zauber des einfachen Lebens einfängt und den Leser stark mit dem Protagonisten verbindet. Das einfache Leben besteht aus dem Leben an sich, bei dem die Notwendigkeit des Geldverdienens an zweiter Stelle steht. Weder Geld, noch Kontakte in die Heimat oder zu Freunden kommt eine große Bedeutung zu. Das Erleben des Ortes, das Erleben des Meeres, das Leben am letzten Aufenthaltsort seines Großvaters und das Wohlergehen seiner alten Schäferhündin stehen im Vordergrund. Für Galera standen Namen nicht im Vordergrund des Romans. Ich erinnere mich nicht, dass der Protagonist einen Namen hat. Doch dank dieser Vorgehensweise schafft er eine besondere Verbindung zwischen Leser und Protagonisten. Manchmal habe ich das Gefühl gehabt, anstelle der Hauptfigur den Sand unter meinen Füßen zu spüren oder das salzige Meerwasser an meinen Lippen zu schmecken. Insgesamt führte das zu einer Entschleunigung bei mir, die alleine das Lesen des Romans ausgelöst hat. Zum Beispiel lässt einen diese Textstelle nicht nur an Urlaub denken, sondern entspannt einen zugleich:

„Ein pechschwarzer Hund schläft auf einem himmelblauen Fischernetz, das auf dem Rasen der Praça 21 di Abril zusammengerollt liegt. Die Sonne knallt auf die grauen Stufen zur Pfarrkirche. Die kurze, steile Kopfsteinpflasterstraße neben der Kirche führt an einem Fischerschuppen und einem Fertighaus aus Holz vorbei. Er nickt einer alten Frau zu, die sich auf der Veranda in einem bunten Strandstuhl sonnt. Der salzige Nordostwind bläst durch die Bäume und wühlt das Meer auf. Vereinzelte Wolken rücken wie eine Armee in Trance auf die Küste zu.“ (S. 55 – 56)

Derart wortgewandte Beschreibungen begegnen einem bei der Lektüre immer wieder und machen viel vom Zauber des Buches aus. Doch Galera beschreibt nicht nur seine Umgebung sondern auch die Liebesbeziehungen der Hauptfigur in derart schönen Worten. So einfach das Leben auch ist, so liegt gerade in der Beobachtung von Kleinigkeiten der Zauber, den dieses Leben ausmacht. Das zeigt dieses Buch mehr als einmal.

Neben der Hauptfigur besitzen alle Figuren Namen. Doch sind diese nicht wichtig für die Hauptfigur. Sie kann sich keine Gesichter merken. Er ist gesichtsblind. So muss er genau beobachten können, um die Menschen an anderen Merkmalen wiedererkennen zu können, zum Beispiel am Klang ihrer Stimme, einem bestimmtem Tattoo oder einer Eigenart in ihrer Bewegungsweise. Deshalb vermute ich, dass dem Namen der Hauptfigur auch weniger Bedeutung beigemessen wird.
Der Protagonist findet schließlich eine Spur, die in Richtung seines Großvaters führt. Er nimmt sie auf und folgt ihr. Doch nun beginnt die Flut. Ereignisse überschlagen sich, das einfache Leben verliert an Einfachheit und sowohl die Vergangenheit als auch sein neugewähltes Leben drohen über ihn einzuschlagen.

Fazit: So gerne ich mich dem Zauber dieses Romans gerne noch länger hingegeben hätte, genauso entwickelt er auch einen Lesesog. Ich wollte ihn nicht mehr beiseitelegen. Dank seiner Wortgewalt und des Zaubers der Geschichte und der Worte war ich während des Lebens in Brasilien. In einer Gemeinde, in der Träumen und Traditionen eine andere Bedeutung beigemessen wird als in Deutschland, einem Land, in dem die Polizei nicht jedem geheimnisvollen Verschwinden auf den Grund geht. Denn eine Gemeinschaft kann viele Geschehnisse auch alleine regeln, ohne dass es einer Behörde bedarf. Von mir gibt es eine eindeutige Leseempfehlung für diesen zeitgenössischen Roman.

Wer mehr über den Roman erfahren möchte, findet auf der Homepage des Suhrkampverlages einen Buchtrailer so wie ein Interview mit dem Autor und einiges mehr. Ein Besuch lohnt sich!

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