Chronik eines angekündigten Todes – Gabriel García Márquez

Gabriel García Márquez ist ein kolumbianischer Autor, der mir das erste Mal in Form eines Geburtstagsgeschenks über den Weg lief. Eine Arbeitskollegin schenkte mir zu Studienzeiten den Roman „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ von ihm, weil sie selbst sehr begeistert von Márquez war. Zuvor habe ich den Name noch nie bewusst wahrgenommen, auch wenn Márquez selbst zu den bedeutendsten und erfolgreichsten  Schriftstellern der Welt zählt. Nachdem mir das Geschenk bei der Lektüre sehr gut gefallen hatte, hielt ich sporadisch Ausschau nach weiteren Romanen des Autors. Dabei erregte „Chronik eines angekündigten Todes“ mit seinen gerade einmal 120 Seiten mein Interesse.

Über diesen dünnen Roman erfährt der Leser im Klappentext folgendes:

„Am Tag von „jenem unglückseligen Montag“, an dem Santiago Nasar getötet wird, feiert ein ganzes Dorf Hochzeit. Es ist ein rauschendes Fest. Doch noch in der Nacht schickt der Bräutigam die Braut zurück ins Elternhaus. Sie war nicht mehr unberührt. Um die befleckte Ehre ihrer Schwester wieder herzustellen, ziehen die Brüder der Braut noch in derselben Nacht los, mit geschliffenen Messern. Der mutmaßliche „Täter“ Santiago Nasar muß sterben. Und obwohl seit dem frühen Morgen fast alle Bewohner des Dorfes von der bevorstehenden Bluttat wissen, die keiner wirklich will, auch die beiden Brüder nicht, vollzieht sich das schauerliche Verbrechen vor der Tür zum Haus von Santiagos Mutter. Die Apathie eines ganzen Dorfes und eine Reihe unglücklicher Zufälle – sie weben das Netz der Fatalität, aus dem es für das Opfer kein Entrinnen mehr gibt.“

mde

Dieser Roman lebt durch seinen geradlinigen Verlauf der Ereignisse, der dem Roman Geschwindigkeit verleiht. Keine Information scheint zu viel zu sein und der Leser wird sogleich mit dem Beginn des Romans in das Leben in einem kolumbianischen Dorf hineingezogen. Dieser Sog vollzieht sich insbesondere durch das Sprachgeschick, das Márquez an den Tag legt. Daher gibt es hier eine kleine Kostprobe von den ersten zwei Sätzen des Romans: „An dem Tag, an dem sie ihn töten sollten, stand Santiago Nasar um fünf Uhr dreißig morgens auf, um das Schiff zu erwarten, mit dem der Bischof kam.  Er hatte geträumt, er wandere durch einen Wald von Fragwürdigkeiten, in dem ein sanfter Nieselregen fiel, und einen Augenblick lang war er im Traum glücklich gewesen, beim Erwachen aber fühlte er sich vollständig mit Vogelkot bespritzt.“ (Márquez: Chronik eines angekündigkten Todes. Fischer Taschenbuchverlag. 6. Auflage 2010. S. 7)

Der Erzähler der Chronik dieses Tages ist von besonderem Interesse. Zum einen ist er ein Bewohner des Dorfes, der selbst einen Teil der Ereignisse des Tages mitbekommen hat (hier kommt der Ich-Erzähler zum Tragen), zum anderen weiß er aber auch, was in den einzelnen Figuren vor sich geht und streut Ergebnisse seiner Recherche viele Jahre nach dem Tag der Ermordung von Santiago Nasar mit ein. Dabei bezieht er sich auf Aussagen von Figuren, die sich an bestimmte Ereignisse erinnern. Somit bleibt er zwar im zeitlichen Ablauf des Tages, ist aber auch selbst involviert und scheint doch außen vor zu sein. Diese Fülle an Informationen führt dem Leser um so mehr vor Augen, welche Ereignisse alle zu der Tat führen. Denn in einer anderen Zukunft wäre es vielleicht nie soweit gekommen. Aber diese Spekulationen überlässt der Erzähler dem Leser. Er selbst beschränkt sich in seiner Rolle des Chronisten auf die Ereignisse und lässt seine Meinung nur ab und zu mit einfließen.

Während der Lektüre hatte ich Gefühl neben dem Erzähler zu sein, ihn zu begleiten und durch seine Hilfe alle möglichen Geschehnisse des Tages selbst mitzuerleben. Márquez schafft dieses durch eine eindringliche Sprache, die in ihrer Einfachheit voll von Vorausdeutungen und Zweideutigkeiten ist. Somit erhält auch diese kleine Geschichte, bei der dem Leser der Ausgang und das Motiv des Todes bereits bekannt sind, an Tiefgang. Diesen Tiefgang habe ich nicht nur in der Sprache erfahren, sondern auch bei den Einblicken in die Welt der unterschiedlichen Dorfbewohner. Für mich ist das ein Eintauchen in eine fremde Welt, die anderen Tagesabläufen und kulturellen Begebenheiten folgt als das mir aus Deutschland bekannte Leben.

Fazit: Gabriel García Márquez hat mit „Chronik eines angekündigten Todes“ einen besonderen Roman vorgelegt, der durch seine Sprachgewalt und die Fähigkeit das Ergebnis eines Auslösers zusammen mit all seinen weiteren Faktoren, die zu dem angekündigten Tod führten, zu beleuchten. Als Leser hatte ich das Gefühl, dass Márquez keinen relevanten Blickwinkel ausgelassen hat und durch seine Chronik vor Augen führt, dass ein Ereignis immer von vielen Faktoren beeinflusst wird. Eine besondere Position hat der Erzähler, der den Leser an die Hand nimmt und ihn überall gleichzeitig hinführt. Meiner Meinung wird Gabriel García Márquez zu Recht zu den bedeutendsten Schriftstellern der Welt gezählt. Absolut lesenswert!

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