Eine Liebe nach dem Verrat: Weit fort…

Den Roman „Weit fort“ von Cornelia Schleime kann man aufgrund des Umfangs von 124 Seiten eher als Novelle bezeichnen. Diese Novelle lässt sich mit folgenden Schlagworten beschreiben: Künstlerin, Verrat durch den besten Freund, DDR als ehemalige Heimat, Ausreise in den Westen, Rückkehr nach dem Fall der Mauer, neue Liebe mit Vergangenheit in der DDR. Diese Schlagworte zusammen betrachtet sind Zutaten, die auf einen guten Roman hoffen lassen. Und das war die Vorfreude, die mich zu diesem Roman greifen ließen. Denn diese Zutaten lassen sich bereits aus dem Klappentext herauslesen:

„Ein Verrat – groß wie die Liebe: Schon einmal wurde die Künstlerin Clara verraten – ihr bester Freund belauschte sie, bespitzelte sie, verkaufte die intimsten Details ihres Lebens. Völlig aus der Bahn geworfen verließ sie ihre Heimat, die DDR. Nun, lange nach dem Fall der Mauer, will sie endlich ein neues Leben beginnen. Denn in Ludwig hat sie eine Liebe gefunden, die sie Hoffnung schöpfen lässt. Doch als sie ihm ihre Geschichte erzählt, ist Ludwig auf einmal fort. Clara macht sich auf die Suche nach ihm – die zugleich eine Reise in ihre Vergangenheit ist.“

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Trotz der guten Zutaten und der Kürze des Romans hat sich die Geschichte für mich Seite für Seite in die Länge gezogen. Einen großen Anteil daran hat die Sprache, in der die Geschichte von Clara und Ludwig erzählt wird. Mit der gehäuften Anzahl indirekter Rede, aber auch erlebter Rede wirkt sie sehr nüchtern. Andererseits erscheinen mehrere Abschnitte auf inhaltlicher Ebene rätselhaft. Häufig habe ich mir gefragt: Was will mir die Autorin damit sagen? Was sagen diese Geschehnisse oder Erlebnisse von Clara über sie aus?

Denn Clara ist es, die im Mittelpunkt steht. Weitestgehend erlebt der Leser die Geschichte aus ihrer Sicht, die mithilfe eines personalen Er/Sie- Erzählers erzählt wird. Doch mit der Zeit rückt die Figur des Ludwig immer näher in den Blick. Ludwig ist Claras neue Liebe. Sie lernt ihn über eine Partnerbörse im Internet kennen und beginnt mit ihm so etwas wie eine Fernbeziehung. Und in dieser stellt sie fest, dass er auch eine DDR-Vergangenheit besitzt. Aber über diese Vergangenheit spricht er nicht. Sie scheint im Dunkeln zu bleiben. Und die DDR-Vergangenheit der Protagonisten ist zugleich der Knackpunkt der Geschichte. Sie bleibt bei beiden Figuren schwammig oder sie ist als weitläufiger Interpretationsspielraum für den Leser angelegt. Die Weitläufigkeit macht sich derart bemerkbar, dass der Leser sich mal in der Nähe einer guten Interpretation fühlt, aber den größten Teil der Novelle eher „Weit fort“ von einer Interpretation ist, wie es der Titel schon beschreibt.

Aufgrund dieser Weitläufigkeit und der nüchternen Sprache wirkt die Figur von Ludwig eher blass und wie ein Geist. Wären Ludwig und dessen Vergangenheit weiter ausgearbeitet worden, hätte die Novelle schon viel gewonnen. Gegenüber Ludwig läuft Clara Gefahr den Leser mit ihren Gedanken zu erdrücken. Denn diese werden dem Leser zuhauf mit auf den Weg gegeben und schaffen eine eher bedrückende Atmosphäre. Die gegensätzliche Ausarbeitung der Figuren bewirkte bei mir zudem, dass ich oft nicht wusste, in welcher Phase der Beziehung sich die beiden Figuren gerade befanden. Immer wieder fragte ich mich: Was wusste wer von wem? Warum haut Ludwig jetzt ab? Was ist genau passiert?

Mein Fazit:
Der Roman „Weit fort“ von Cornelia Schleimer hat es nicht geschafft mich zu begeistern. Den Pressestimmen wie „In dichter Sprache und fein gewebten, poetischen Bildern schildert Schleime diese Liebesgeschichte“ (Associated Press) oder „Unmöglich, sich dem Sog dieser rätselhaften Geschichte zu entziehen“ (Der Spiegel) kann ich nicht zustimmen. Für mich ist die Novelle nüchtern geschrieben, lässt mich als Leser mit zu vielen offenen Fragen zurück, zieht sich unnötig in die Länge und leidet an der unscharfen Ausarbeitung der Figur des Ludwig. Vielleicht ist diese Novelle eher für Personen geschrieben, die selbst in der DDR und seinem System gelebt haben oder über ein sehr gutes Wissen über jene Zeit verfügen. So haben diese Personen eine Chance die Interpretationsspielräume, die Schleime zuhauf einbaut, auszufüllen. Mich hat diese Geschichte schlichtweg fragend und verwirrt zurückgelassen.

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