Der Verlierer – Peter Ustinov

Sir Peter Ustinov habe ich bereits in der vorangegangenen Rezension als einen guten Darsteller von Hercule Poirot, den bekannten Meisterdetektiv von Agatha Christie erwähnt. Aber Sir Peter Ustinov war nicht nur Schauspieler, sondern auch Entertainer par excellence, Moderator, Schriftsteller, liberaler Kosmopolit, UNICEF-Botschafter und Menschenfreund. Sein erster Roman „Der Verlierer“ kam mir durch Zufall in die Hände. Peter Ustinov war mir ein Name, aber gelesen hatte ich von ihm noch nichts. So geschah es, dass sein Erstlingsroman auch mein erster Roman von Ustinov sein sollte. Es ist eine Auswahl, die ich nicht bereut habe.

Der Verlierer ist ein Anti-Kriegs-Roman, der selbst im Krieg spielt. Es ist besonders interessant, da Sir Peter Ustinov die Zeit des zweiten Weltkrieges selbst miterlebt hat und etwa im gleichen Alter wie die Hauptfigur Hans Winterschild ist. Sir Peter Ustinov ist 1921 geboren worden, während sein Protagonist nur ein Jahr zuvor das Licht der Welt erblickt hat. Doch ich schreibe vom Protagonisten, ohne euch überhaupt den Klappentext vorgestellt zu haben. Der folgt aber nun:

„Der brave Bürgersohn Hans Winterschild, Jahrgang 1920, zieht mit dem Abitur in der Tasche direkt in den Krieg. In Holland, Frankreich und Rußland schlägt er sich durch Siege und Niederlagen für Führer und Vaterland. In Florenz findet er zwar die große Liebe, Teresa, aber das große Glück bleibt ihm im Leben verwehrt…“

mde

Der Leser verfolgt die gesamte Lebensgeschichte von Hans. Jedoch wird der Erzähler erst bei der Begegnung mit der großen Liebe in Florenz langsamer in seinem Erzähltempo. Zuvor stolpert der Leser ähnlich wie die Hauptfigur selbst durch sein Leben. Dabei nimmt sich der Erzähler sowohl die berufliche als auch die sexuelle Entwicklung vor. Die zweitgenannte leidet in ihrer Entfaltung auch eher durch das Umfeld von Hand. Neben Hans geht der Erzähler auch auf die Schicksale der Figuren, mit denen Hans in seinem Leben in Berührung gekommen ist, ein. Diese handelt er ebenso pointiert ab wie einiges aus Hans‘ Leben. So wird einem als Leser nie langweilig. Beim Einsetzen der Liebesgeschichte habe ich auch mit dem Paar mitgefiebert, da das Kriegsgeschehen für ihre Liebe nicht gerade förderlich ist.

Besonders ins Auge sticht Ustinovs Wortgewalt, die er seinem Erzähler mitgibt. Dieser Stil ist schwierig zu beschreiben. Er gibt Situationen frech-lustig wieder, karikiert die Figuren in der Handlung teilweise oder vollständig und analysiert dadurch im selben Moment das Kriegsgeschehen. Immer wieder hatte ich das Gesicht und die Stimme des Autors selbst im Kopf, wenn er Heldenmythen entlarvt und sie als durchsichtige Phantasieprodukte darstellt. Ustinov schafft es die Schrecken des Krieges mit einem Schmunzeln beim Leser zu verbinden, ohne dem Krieg selbst den Schrecken zu nehmen. Mich hat er eher zum Nachdenken angeregt mit seiner frech-philosophischen Art. Vermutlich lässt sich hier sogar eine Verknüpfung zu den Menschen herstellen, die Krieg erlebt haben. Manchen Menschen hilft es schwierige und negative Erfahrungen derart zu verarbeiten, indem sie das Geschehene ins Lächerliche ziehen. Möglicherweise wurde dieser Schreibstil sehr bewusst eingesetzt.

Damit ihr euch selbst ein Bild machen könnte, zitiere ich einen kleinen Abschnitt:

„Nun, da Tschürke diskreditiert war, riß Hans die Führung an sich und setzte sich ohne seinen Pfriem (Bedeutung: Werkzeug zum Stechen von Löchern – Anmerkung der Autorin) durch. Das Buch, das Dr. Dülder ihm gegeben hatte, las er mehrere Male, ohne es zu begreifen. Seine Handlungsweise zeugte bereits von Charakterstärke und Ausdauer. Da er es nicht verstanden hatte, tat er das nächstbeste, er lernte nämlich Teile auswendig. […] Für sein erotisches Frühlingserwachen blieb nicht viel Zeit übrig, da das Liebeswerben notgedrungen etwas steife Formen annehmen muß, wenn man sich mehr für die Abstammung des jungen Mädchens interessiert als für ihre Person.“

(Peter Ustinov: Der Verlierer. List Taschenbuch. 1. Auflage November 2005. S. 35; Anfang 2. Kapitel)

Fazit: Ein sehr empfehlenswerter Roman. Ustinov versteht es die Geschichte des Hans Wintershild sprachgewaltig in leichter Lesart und die Schrecken und Schicksale des Krieges zusammenzubringen, ohne den Krieg selbst zu sehr ins Lächerliche zu ziehen. Dabei legt er den sprachlichen Finger immer wieder auf wunde Punkte des Krieges, ohne den Erzähler selbst offensichtlich urteilen zu lassen. Impliziert urteilt der Erzähler jedoch durch die karikierte Darstellung. Die Meinungsbildung bleibt größtenteils dem Leser überlassen. Und ob der Hans am Ende wirklich ein Verlierer ist oder ob wir nicht alle in Teilen auch Verlierer in unserem Leben sind, lest selbst. Ein Roman der nachwirkt…

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