Spiegel – Cixin Liu

„Spiegel“ von dem chinesischen Autor Cixin Liu ist eine faszinierende Science Fiction Novelle, mit einem Umfang von 108 Seiten. Angeschlossen folgen aber noch ein lesenswerter Anhang, sowie zwei Leseproben in meiner Ausgabe. Diese Novelle habe ich beim Weihnachtswichteln im letzten Jahr  geschenkt bekommen. Meine Freude war groß. Zum einen  habe ich von dem Autor noch nichts gelesen, zudem hat mich der Klappentext neugierig gemacht.

Klappentext von der Buchinnenseite:

„In China beschließt man, in den Verwaltungsbehörden mehr Akademiker einzustellen. Einer dieser jungen, idealistischen Professoren ist Song Cheng, der in der Antikorruptionsbehörde schnell Karriere macht. Eines Tages stößt er auf einen Skandal, der sich wie ein Geschwür durch die ganze zentralchinesische Provinz Henan zieht: Industriebosse, Parteikader und Verwaltungsbeamte auf allen Ebenen sind darin verstrickt. Als Song Cheng aber kurz davor ist, den Skandal aufzudecken, wird er ins Gefängnis geworden. Mächtige Gegenspieler wollen ihn für immer loswerden. Doch dann kündigt sich ein seltsamer Besucher bei Song Cheng an und erzählt ihm Dinge über den Skandal und aus Song Chengs Leben, die eigentlich niemand wissen dürfte und die nur einen Schluss zulassen: Dieser Mann weiß alles. Aber wie ist das möglich, und was hat der geheimnisvolle Supercomputer mit der kosmologischen Simulationssoftwäre damit zu tun? Die Konsequenzen dieser Unterredung sind allerdings noch viel weitreichender, als Song Cheng es jemals hätte ahnen können…“

mde

Ich empfinde diese Novelle als schwierig zu rezensieren. Vermutlich kann es daher vorkommen, dass ich etwas mehr vom Inhalt verrate als sonst. Jedoch ist es vor allem mein Verständnis der Novelle. Ein Leser, der sich mit der Novelle befasst, sollte offen sein für physikalische Zusammenhänge und zumindest ein naturwissenschaftliches Interesse besitzen, sich in Physik hineinzudenken. Erwähnte Theorien und einige Begriffe werden im Anhang des Buches noch sehr gut erklärt. Man muss also kein Physiker sein und wie Sheldon aus der Big-Bang Theorie bald alltäglich mit der String Theorie befasst sein, die übrigens auch in dieser Erzählung von Bedeutung ist.

Zusammengefasst erzählt Liu dem Leser, was passieren könnte, wenn ein „Supercomputer“ entwickelt wird, der eine Art Spiegel von unserer Welt und des Universums erschaffen kann. Dabei beginnt der Computer bereits bei dem Urknall, dem Big Bang. Die Protagonisten, die Liu die Geschichte erzählen lässt, dienen als Vermittler zwischen der Theorie des Supercomputers und dem Leser. Der Leser erfährt zusammen mit Song Cheng von dem Supercomputer und den physikalischen Hintergründen, sowie dem, was er kann. Damit wird der Leser langsam in die Gedanken des Wissenschaftlers (also hier, des geheimnisvollen Manns) gezogen und vollzieht seine Gedanken nach. Da Song Cheng für die Antikorruptionsbehörde arbeitet, steht damit auch allgemein für Polizei- und Ermittlungsbehörden, ähnlich wie der Mann, der Song Cheng hinter Gittern gebracht hat. Dessen Machtbereich reicht jedoch noch weiter in die Wirtschaft und die Politik mit hinein. Somit wird nach den Erklärungen und Versuchen mit dem Supercomputer, eine Zukunftsvision erschaffen, bei der der Leser liest, was passieren könnte, wenn der Supercomputer in die falschen Hände gerät. Aber auch als Leser habe ich mir verschiedene Möglichkeiten durchgespielt. Denn mit dem Supercomputer kann man nicht nur die Entstehung des Universums und er Erde simulieren, sondern bis in die Gegenwart sehen, was auf der Erde in gewünschten Bereichen gerade im Moment passiert oder, was in der Vergangenheit geschehen ist. Die Geschehnisse in Vergangenheit und Gegenwart werden transparent. Das macht die Entwicklung des Supercomputers sehr verlockend für die Verbrechensbekämpfung. Ermittlungsbehörden würden alles sehen können, was genau geschehen ist. Aber auch für den Staat wäre es von Interesse. Damit kann nicht mehr nur die Wissenschaft einen Mehrwert aus solch einem Supercomputer ziehen. Der Supercomputer hat also die Möglichkeit, die Welt, so wie wir sie kennen auf den Kopf zu stellen.

 Letzten Endes stellt sich hier die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft. Wem werden welche Entdeckungen zugänglich gemacht? Welche Konsequenzen können sie nach sich ziehen. Ist es möglich die Entdeckungen wirklich nur für die Wissenschaft zu nutzen? Ich musste dabei an das Drama „Die Physiker“ von Dürrenmatt denken, der sich auch mit der Verantwortung von Wissenschaft auseinandergesetzt hat. Nur stand zu dieser Zeit die Atombombe im Mittelpunkt und gab Anlass sich mit der Verantwortung zu befassen. Die Entdeckung der atomaren Kraft war dabei schon Gegenwart.

Cixin Lius Zukunftsvision ist noch nur eine mögliche Zukunft, aber die Entwicklung eines Computers, mit dem man die Entstehung des Universums simulieren kann und damit auch die Voraussetzungen für die Entstehung unserer Galaxie und der Erde, ist durchaus ein Ziel der modernen Physik. Und laut des Anhangs gibt es bereits Entdeckungen, die durchaus die Möglichkeit eröffnen, dass man in der Zukunft derartige Entwicklungen beobachten könnte. Das macht diese Zukunftsperspektive in Hinblick auf die Auswirkungen noch erschreckender, wenn ich daran denke, wie so eine Simulation unserer Welt in den falschen Händen auch sehr zum Negativen benutzt werden kann. Besonders, wenn sich irgendwann die Möglichkeit eröffnet, sogar in die Zukunft zu sehen. Was würde das aus unserer Welt machen?

 

Fazit: Cixin Liu hat mit „Spiegel“ eine intelligente Science Fiction Novelle geschaffen, die sich ernsthaft mit dem Voranschreiten der Forschung in der modernen Physik beschäftigt. Die Greifbarkeit des Themas aufgrund der physikalischen Forschung machen diese Zukunftsvision teils erschreckender als Science Fiction Romane es tun, die von anderen Welten erzählen, die durchaus im Rahmen des Möglichen sind, aber längst nicht so sah an einem dran sind. Ich spreche für die Novelle eine Empfehlung aus. Denn man muss kein Physiker sein, um den Inhalt zu verstehen, aber offen, um sich in die Physik und ihre Denkweisen hineinzuversetzen, um Schlussfolgerungen in der Erzählung nachzuvollziehen.

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